Über 70 Jahre in Aktion für eine gerechte Welt

Seit 1947 setzt sich die Christliche Arbeiterjugend (CAJ) im Erzbistum Paderborn für ein würdevolles Leben für alle junge Menschen ein. Ausgehend von der Lebenssituation der jungen Arbeiter*innen sollen durch Sehen Urteilen und Handeln die individuelle Lebensrealität und die Gesellschaft positiv beeinflusst werden. Dabei musste sich die CAJ in Reaktion auf die dauernden Veränderungen der Arbeitswelt immer wieder selbst reflektieren und weiterentwickeln, um sich treu zu bleiben.

Cardijn Hände ErhobenAls Josef Cardijn die Christliche Arbeiterjugend im Belgien der 1920er Jahre gründete, waren ausgebeutete und verwahrloste Arbeitermassen ein allgegenwärtiges Problem. Der Kommunismus erschien Cardijn dabei keine ausreichende Lösung der Arbeiterfrage anzubieten, da dieser Ansatz den Einzelnen vernachlässigt und dessen Gottesebenbildlichkeit, sowie die Existenz Gottes verneint. Darum wollte er eine christliche Antwort auf die Arbeiterfrage finden, welche aus dem Evangelium Orientierung und Kraft zieht. Als unumstößlicher Ansatzpunkt dabei gilt die Würde jedes Einzelnen, welcher laut Cardijn „mehr wert ist als alles Gold der Erde, weil er Kind Gottes ist“. Die Gotteskindschaft implizierte für ihn auch die besondere Berufung eines jeden Einzelnen. Unter den Arbeitern erlebte er jedoch Zustände, die ein Leben in Würde und der Nachfolge Jesus Christus verhinderten. Darum gründete er eine emanzipatorische Bewegung von jungen Arbeiter*innen für junge Arbeiter*innen. Diese zielte zugleich auf eine Bewusstwerdung der eigenen Berufung und Verantwortung einerseits sowie anderseits auf eine Verbesserung der konkreten Umstände am Arbeitsplatz, in der Schule, in der Familie, sowie der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Dabei war es ihm nicht wichtig, ob die jungen Arbeiter*innen Katholiken waren, sondern war davon überzeugt, dass die Botschaft Jesu für alle Menschen da ist. Der CAJ Diözesanverband Paderborn wurde 1947 gegründet und war im selben Jahr Gründungsmitglied der CAJ Deutschland.

Von Anbeginn ist die Methode „sehen urteilen handeln“ wesentlich für die Bewegung. Ausgehend von ihrer eigenen Lebenssituation analysieren die jungen Arbeiter*innen ihre Lebensrealität, beurteilen sie in Betrachtung ihrer eigenen Würde und entwickeln Handlungsstrategien. Um diese umzusetzen schließen sie sich zusammen und unterstützen sich gegenseitig. Durch Aktion und Reflexion werden die jungen Menschen weitergebildet, ihnen wird schrittweise immer mehr Verantwortung übertragen. Dabei war die Erwerbsarbeit nie das einzige Handlungsfeld der CAJ, sondern immer das ganze Leben der jungen Menschen.

Seit Cardijns Zeit hat sich die Situation der Arbeiterjugend grundlegend geändert. Durch die Bildungsexpansion streben heute viel mehr junge Menschen ein Abitur oder einen Studienabschluss an. Das Alter beim Berufseintritt hat sich dadurch deutlich nach oben verschoben. Dadurch sind heutzutage nur vergleichsweise wenig Jugendliche bereits in einer Berufsausbildung oder Arbeit. Die Arbeitsbedingungen haben sich verbessert. In „Normalarbeitsverhältnissen“ mit Tarifvertrag haben Arbeiter*innen, dank der Erfolge der Arbeiterbewegung, mittlerweile überwiegend ein sicheres Einkommen und eine Absicherung bei vielen Risiken wie Krankheit oder Arbeitsunfall. Auf der anderen Seite hat die Bedeutung von Kirche und Religion unter Jugendlichen drastisch abgenommen.

Ist also die CAJ ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten?

„Heute ist die Botschaft von Josef Cardijn sehr aktuell!“ meint Angelique Lindner, Diözesanleiterin, dazu. Viele junge Menschen sind heute in unsicheren Arbeitsverhältnissen wie befristete Verträge, Zeitarbeit, ungewollte Teilzeitarbeit und Scheinselbstständigkeit. Die Arbeiterschaft ist gespalten in Festangestellte und prekär Beschäftigte. Die Gewerkschaften haben große Schwierigkeiten Arbeitnehmer*innen zu organisieren, die nur für ein Jahr oder offiziell gar nicht nicht bei dem Unternehmen angestellt sind. Ein guter Schulabschluss bietet keinen verlässlichen Schutz vor prekärer Arbeit mehr, da auch Universitätsabsolvent*innen in einer Scheinselbstständigkeit oder unbezahlten Praktika landen können. Die jungen Menschen schreiben ihre eigene Lage oft Sachzwängen oder eigenem Versagen zu oder halten sie bereits für „normal“. Sie fühlen sich hilflos und alleine mit ihren Problemen. Das sogenannte „Normalarbeitsverhältnis“ mit unbefristeter Vollzeitarbeit, das für ihre Elterngeneration noch die Norm war, erscheint unerreichbar. Diese Unsicherheit wirkt sich in Form von erhöhtem Leistungsdruck bereits in Schule und Hochschule. Somit sind alle jungen Menschen mehr oder weniger direkt von prekärer Arbeit betroffen.

2017 BATHier setzt die Aktion der CAJ „Fair statt Prekär“ an. In einem mehrjährigen bundesweiten Prozess wurden Lebensrealitäten mit Interviews und Fragebögen gesammelt, Statistiken ausgewertet und eine eigene Analyse zu prekärer Arbeit erstellt. Darauf basierend wurde eine Vision einer gerechten Arbeitswelt entwickelt, die der Würde der jungen Menschen entspricht. Aktuell werden Forderungen aufgestellt, deren Erfüllung gesellschaftliche Rahmenbedingungen für eine der Vision entsprechende Humanisierung der Arbeitswelt bieten würde. Exemplarisch seien hier die Bundesaktionstage um den 1. Mai 2017 in Berlin genannt. Dort wurden Ideen zu Grundeinkommen, Arbeitszeitverkürzung und mehr Geschlechtergerechtigkeit gemeinsam weiterentwickelt.

Viele junge Menschen sind auf der Suche nach Orientierung. Auf der anderen Seite hat die Bedeutung der Institution Kirche unter Jugendlichen drastisch abgenommen. Hier bietet die CAJ eine lebensnahe Auslegung des Evangeliums als Zugang zum Glauben und als Orientierungshilfe in unsicheren Zeiten an. Als eine Methode ist hier das lebendige Evangelium zu nennen, bei dem ein Text aus der Bibel gemeinsam gelesen und auf das eigene Leben bezogen wird.

Über den Lebensweltbezug und die Aktionsorientierung erreicht die CAJ auch Jugendliche, die normalerweise keinen Kontakt mit der katholischen Kirche oder der Jugendverbandsarbeit hätten. Die CAJ Paderborn betreibt darüber hinaus Jugendtreffs in Burbach, Holzhausen und Netphen als offenes Angebot für alle Jugendlichen des Ortes. Jedes Jahr werden einige Besucher*innen zu Jugendleitern ausgebildet und ihnen schrittweise mehr Verantwortung zu übertragen.

Das Ziel eine gerechte Gesellschaft und somit Gottes Reich auf Erden zu verwirklichen ist noch lange nicht erreicht. Cardijn würde dazu wohl sagen „vorwärts, vorwärts, wir stehen erst am Anfang!“

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